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Talkrunde Industrie & Handel: Gemeinsam Krise meistern

Zu langsam, zu unflexibel, zu wenig profitabel: Die Coronakrise hat viele Schwächen des Geschäftsmodells Multilabel-Handel schmerzhaft offengelegt und den Veränderungsdruck massiv erhöht. Handel und Industrie sind gemeinsam aufgerufen, die Prozesse zu optimieren. Eine Schlüsselrolle nimmt dabei die Digitalisierung ein. weiterlesen

 

 BTE-Präsident Steffen Jost machte in seinem Eingangsstatement deutlich, dass die Coronakrise weitreichende Folgen für beide Marktpartner haben wird und sich auch das Bild der Innenstädte gravierend verändern wird, wenn Modehandelsunternehmen schließen müssen.

 

„Die Pandemie wirkt in unserer Branche wie ein Brandbeschleuniger und hat die Fehler im bestehenden System des Multilabel-Handels deutlich aufgezeigt. Wir haben zu lange Lieferfristen, zu frühe Order- und Messetermine, sind nicht produktiv genug und sind in der Anpassung an neue Marktbedingungen viel zu langsam.“ 

Wir groß der Handlungsbedarf in der Branche ist, machte auch Klaus Harnack von der Unternehmensberatung Hachmeister + Partner (h+p) deutlich. Er rechnet damit, dass der deutsche Modehandel in diesem Jahr einen Umsatzrückgang von 25 Prozent hinnehmen muss. „Die Bilanz wird bei den meisten Unternehmen blutrot sein. Das halten nicht viele Unternehmen durch. Die dringend erforderliche Transformation der Organisations- und Prozessstrukturen in der Branche muss auf Basis eines 80- bis 90prozentigen Umsatzniveaus erfolgen“, fordert Klaus Harnack, geschäftsführender Gesellschafter bei h+p.

 

Seine zentralen Thesen: 

  1. Es findet zu wenig Ertragsgenerierung in der Wertschöpfungskette zwischen Industrie und Handel statt – eine bloße Umverteilung der Risiken, Kosten Finanzierungsfunktionen verbessert das Gesamtergebnis nicht.
  2. Die Kosten des klassischen Wholesale-Kooperationsmodells sind auf beiden Seiten zu hoch. Die etablierten Prozesse sind zu ineffizient, zu langsam und verhindern die Chancennutzung.
  3. Die Prozesse müssen soweit wie möglich vertikal, schnell und durchgängig organisiert und transformiert werden. Dabei muss der Handel seinen USP (Service, Kundennähe, lokale Verbundenheit) bestmöglich zur Geltung bringen. Ziel: Das Beste aus beiden Welten zusammenbringen.
  4. Die Zusammenarbeit von Industrie und Handel muss völlig neu gedacht werden.

 

Eine zentrale Rolle in dieser Phase der Restrukturierung und Reorganisation nimmt die Optimierung der Wertschöpfungskette ein. In diesem Punkt waren sich die Teilnehmer der Talkrunde mit Vertretern aus Industrie und Handel (Steffen Jost vom Modehaus Jost, Christian Klemp von der Zinser-Gruppe, Maximilian Böck von Marc O‘Polo und Michael Simon von Olsen) einig. Steffen Jost fordert, dass die Branche endlich die altbekannten Probleme angeht und die Order- und Lieferrhythmen stärker am tatsächlichen Kaufverhalten der Kunden ausrichtet. „Wenn wir jetzt nicht gemeinsam agieren, wird es das Geschäftsmodell Multilabel-Handel nicht mehr lange geben. Die Prozesskette gehört als erstes auf den Prüfstand und dabei müssen alle Möglichkeiten genutzt werden, die die Digitalisierung bietet.“

 

Für Marc O’Polo ist die digitale Order ein wichtiger Ansatzpunkt für mehr Effizienz und Schnelligkeit bei den Vertriebsprozessen. „Wir haben digitale Ordertools bereits erfolgreich implementiert und werden den Weg weitergehen, um unsere Vertriebskosten zu optimieren. Außerdem werden wir unser Sortiment weiter straffen und die IT-gestützte Steuerung der Bestände forcieren, um die Flächenproduktivität weiter zu erhöhen. Dabei setzen wir auf eine vertrauensvolle und strategische Partnerschaft mit unseren Handelspartnern.“

 

Auch Michael Simon von Olsen ist der Überzeugung, dass der herkömmliche Orderprozess mit Musterkollektionen, Showrooms und kostenintensiven Vertriebsstrukturen nicht zukunftsfähig ist. „Das ist viel zu teuer und zu langsam. Wir brauchen mehr Vertikalisierung mit durchgängigen Prozessen. Der alte Einsteuerungsgedanke, bei dem es darum ging, eine möglichst hohe Vororderquote zu erzielen, ist nicht mehr zeitgemäß. Wir brauchen ein auf Echtzeit-Daten basierendes In-Season-Management sowie digitale Orderprozesse. Dabei ist es wichtig, dass sich beide Seiten stärker auf ihre wertschöpfenden Kompetenzfelder fokussieren anstatt sich in nervigen Ping-Pong-Prozessen aufzureiben.“

 

In der Talkrunde wurde deutlich, dass die aktuellen Probleme nur partnerschaftlich angegangen werden können und deren Lösung ein neues Rollenverständnis der Marktpartner bedingen. Für Christian Klemp von der Zinser-Gruppe setzt dies eine engere Kommunikation voraus. „Nur durch einen intensiven Austausch können wir die Sortimente besser auf den Punkt bringen und so den Abverkauf optimieren.“

Die Teilnehmer der Talkrunde (von links oben im Uhrzeigersinn): Moderator Christoph Schwarzl (h+p), Christian Klemp (Zinser-Gruppe),

Maximilian Böck (Marc O’Polo), BTE-Präsident Steffen Jost (Mode Jost), Michael Simon (Olsen)