Vom 21. bis 28. Januar 2026 bündelten die Düsseldorfer Fashion Days (DFD) Messeformate, Showrooms, Ordertermine sowie Branchenaustausch und bildeten den Rahmen für eine Orderrunde, die weniger von Aufbruchsrhetorik geprägt war als von Realismus.
Zuversicht wird in dieser Saison weniger laut, dafür bewusster formuliert. Ein klares Ausrufezeichen setzte Rich & Royal mit dem 20-jährigen Jubiläum. Mit der ‘Fête Alpine’ lud die Marke während der Fashion Days Partner und Presse zu einem ausgelassenen Abend im Kitzbühl-Stil ein. Nicht als Wachstumsinszenierung, sondern als Bekenntnis zu Beständigkeit.
Niemand erwartet ein leichtes Jahr 2026
Die Orderrunde für Herbst/Winter 2026 stand jedoch insgesamt im Zeichen einer neuen Ehrlichkeit. Der Handel blickt zurück – sehr bewusst. 2025 sitzt noch tief. Ein Jahr voller Unsicherheiten, Kostensteigerungen, schwacher Konsumphasen und permanenter Korrekturen. Mit genau diesem Erfahrungsschatz im Nacken startet die Branche in 2026. Niemand erwartet ein leichtes Jahr. Aber man stellt sich ihm. Gespräche sind offener geworden, Erwartungen realistischer, Entscheidungen spürbar überlegter.
Die Stimmung ist daher eher nüchtern, wenn zugleich erstaunlich stabil. Weniger Euphorie, weniger Durchhalteparolen, dafür mehr Klarheit. Kollektionen sind durchdachter, Stückzahlen werden enger kalkuliert, Lagerbestände kritischer hinterfragt, Sortimente genauer geplant. Und doch zeigt sich parallel ein klarer Gegentrend zur reinen Reduktion. Der Fashion-Grad zieht an. Und es wird mutiger geordert. Das wiederkehrende Stichwort in Düsseldorf: Mut.
Bei Marc Cain bestätigte man uns, dass dieser Mut belohnt wird. Und zwar Mut in der Order, Mut im Fashion-Grad, Mut zur Entscheidung. Auch bei Bugatti ist diese Bewegung spürbar. Dynamik und Weiterentwicklung treffen hier auf Zuverlässigkeit – eine Kombination, die in unsicheren Zeiten besonders geschätzt wird.
Parallel dazu wird Mode zunehmend ganzheitlich gedacht. Der Wunsch nach Total-Look-Konzepten geht über das einzelne Produkt hinaus. Tobias Schellenberger, Co-CEO von Schera, reagiert darauf bei Rossi nicht nur mit konsequenten Total-Looks, sondern entwickelt die Marke zunehmend in Richtung Lifestyle. Ein eigener Duft wurde bereits lanciert, eine Duftkerze ist in Planung – Mode als emotionaler Anker. Auch am POS zeigt sich dieser Ansatz. MAC setzt mit dem ‘Matcha Denim Club’, einer kleinen Barista-Fläche mit Gewinnspielen & Giftings, gezielt auf Erlebnisformate. Das Team selbst spricht abseits dieser Marketing-Moves von einer sehr guten Orderzeit – ein positives Signal in einem ansonsten vorsichtig agierenden Markt.
Das Spiel mit der Hose zahlt sich für viele Marken aus. MAC macht es vor.
Marc Cain bündelt hingegen gleich mehrere Trends: Fake-Fur, Tupfen-Prints, Aubergine als Trendfarbe, Colour-Contrast mit Pink und Layering.
Im DOB-Bereich kristallisierte sich über die Orderzeit ohnehin ein klares Key-Piece heraus: die Hose. Sie übernimmt die Hauptrolle im Look. Silhouetten reichen von modischen Barrel-Formen und Pumpstyles über gerade Klassiker bis hin zu Skinny- und Bootcut-Varianten. Die Hose bestimmt Silhouette, Kombinationsmöglichkeiten und modische Aussage. Auch Brax bestätigt diese Entwicklung deutlich. Sie nutzen das Momentum der Hose auch für ihre Womenswear-Kollektion, bauen zudem ihr Outerwear-Sortiment aus. Maßnahmen, die gut angenommen werden, wie Geschäftsführer Marc Freyberg bestätigt. Er beschreibt Düsseldorf als funktionierenden Business-Hub: Hier wird nicht nur gezeigt, hier wird geschrieben. Gleichzeitig macht er deutlich, dass klassische Standards allein nicht mehr ausreichen. Die modische Entwicklung, insbesondere bei Hosen, ist schnell und dynamisch. Mehr Mode zu wagen ist keine Option mehr, sondern Notwendigkeit.
Planung wird immer schwieriger
In Zeiten der Multi-Krisen bleiben aber andere Faktoren weiterhin unberechenbar: Bei Unifa wurde offen über anhaltende Unsicherheiten aus dem USA-Kontext gesprochen. Zölle bleiben ein Risikofaktor, gleichzeitig müssen Bestände aus vorherigen Saisons abgebaut werden. Hinzu kommt eine wachsende Unzuverlässigkeit in der Lieferkette. Produzenten halten neue Termine nicht mehr ein, Planung wird schwieriger. Umso wichtiger werden kurzfristig verfügbare Programme, die helfen, Volatilität abzufedern – auch mit Blick auf Wetterunberechenbarkeit und kurzfristige Nachfrageverschiebungen.
Die Branche reagiert auf vielen Ebenen strategisch. Seidensticker setzt verstärkt auf Vertikalität und konzentriertere Kollektionen. Creative Director Marc Biggemann vermeidet ein vorschnelles Fazit. Man sei mitten im Prozess, extrem beobachtend, mit dem klaren Bewusstsein, dass in den kommenden Wochen und Monaten sowohl im Handel als auch in Industriekreisen signifikante Veränderungen anstehen. Sein Resümee ist kein Urteil, sondern ein Zustandsbild. „Okay“ sei das Wort der Stunde. Nicht gut, nicht schlecht – aber tragfähig.
Auch bei Riani ist Wandel sichtbar – leise, geplant und ohne Bruch. Für Herbst/Winter 2026 zeichnete Ulrich Schulte letztmalig in voller Verantwortung für das Design, bevor er ab der kommenden Saison ausschließlich in beratender Funktion tätig sein wird. Maren Šegrt-Guba, die bereits an der aktuellen Kollektion mitgewirkt hat, übernimmt künftig die kreative Leitung. Die Düsseldorfer Fashion Days boten den passenden Rahmen, diesen Übergang zu zeigen. Das Feedback fiel sehr positiv aus – auch, weil der Wechsel nicht als Neuanfang inszeniert wurde, sondern als Weiterentwicklung.
Mehr Mut zu mehr Mode. Bei Studio Seidensticker setzt man beispielsweise auf Über-Schleifen.
„Der kleine Fachhandel erlebt eine Renaissance“
Parallel dazu rückte der Faktor Mensch wieder stärker in den Vordergrund. Gerade im Kontrast zur omnipräsenten KI-Debatte wurde deutlich: Künstliche Intelligenz wird in erster Linie als Tool verstanden – unterstützend in Abläufen, Analysen und punktuell auch in der Beratung. Aber nicht als Ersatz für Erfahrung, Intuition und Nähe. Oder wie Michael Schulz, Inhaber der SchulzACO Agentur, es formulierte: „Wir müssen mehr auf unser Bauchgefühl hören.“ Besonders im inhabergeführten Handel zahle sich genau das aus. Der kleine Facheinzelhandel, so die Beobachtung von Schulz, erlebe eine Renaissance – getragen von Stammkundschaft, persönlicher Beratung und geringerer Abhängigkeit von Laufkundschaft.
All diese Beobachtungen zeichnen ein vielschichtiges Bild dieser Orderrunde. Düsseldorf zeigte sich nicht als Bühne für große Gesten, sondern als Arbeitsraum, in dem realistische Entscheidungen getroffen werden. Die DFD bleiben damit ein klarer Pflichttermin. Eindeutig Business, effizient, konzentriert. Gleichzeitig wird offen benannt, was fehlt: ein stärkerer Community-Gedanke. Austausch findet statt, meist zweckgebunden. Raum für Inspiration und echtes brancheninternes Miteinander bleibt ausbaufähig.
Und vielleicht passt genau hier das „Okay“ als Schlussbild. Kein Jubel. Keine Resignation. Sondern ein bewusster Zustand zwischen Vorsicht und Zuversicht. Die Branche weiß um ihre Herausforderungen – und geht trotzdem weiter. Text: Cheryll Mühlen (CM)
Hinweis: Einen guten Überblick über die DOB-Trends für HW 2026/27 gibt auch der Trendbericht in der aktuellen Printausgabe des BTE marketing berater.
