Der Iran-Krieg treibt die Preise, nicht nur an den Tankstellen. Um diesen Preisanstieg abzufedern, hat die Bundesregierung nun ein Maßnahmenpaket vorgestellt. Ein Gespräch mit BTE-Geschäftsführer Sönke Padberg über die starken Kostensteigerungen, die massiven Folgen für den Modehandel und darüber, mit welchen Hebeln die gesamte Branche dem entgegensteuern könnte.
TextilWirtschaft: Die Bundesregierung hat am Montag ein Maßnahmenpaket zur Entlastung von Bürgern und Unternehmen vorgelegt. Wie bewerten Sie das?
Sönke Padberg: Es ist sicherlich ein richtiges Signal und ein wichtiger Schritt. Ich bin mir nur angesichts der großen Verunsicherung, die in Gänze herrscht, nicht sicher, inwieweit es sich
positiv auf den Konsum auswirken wird. Eine starke Entlastung für die Modehändlerinnen und -händler ist meiner Meinung nach darin nicht zu sehen. Dabei wird die Kostenentwicklung für den
Modehandel immer kritischer.
Wie ist aktuell die Lage im Modehandel?
Der Modehandel ist seit Mitte März von großer Konsumzurückhaltung geprägt. Im April zeichnet sich da leider keine Veränderung ab – die Umsätze gehen stationär und online zurück. Üblicherweise
positive Einflüsse wie passendes saisonales Wetter, der Monatswechsel mit den damit einhergehenden Lohnzahlungen sowie festliche Anlässe wie das Osterfest haben bisher nicht gezogen. Es geht
leider genauso weiter wie im 1. Quartal. Ob die 1000 Euro-Prämie jetzt in vielen Branchen und Betrieben ausgezahlt wird, kann man aktuell nur bedingt einordnen. Ob die Prämie dann in den
Sommerurlaub oder in den Modehandel investiert wird, bleibt abzuwarten.
Inwieweit können die Online-Umsätze den Rückgang der Umsätze im stationären Handel auffangen?
Online ist im Moment in der gleichen Krise wie offline. Es gibt einfach ein grundlegendes Konsumthema. Die Verbraucherinnen und Verbraucher sind verunsichert und halten sich beim Einkaufen
zurück. Die hohen Benzinpreise und die wirtschaftspolitische Weltlage tun da ihr Übriges.
Zwischenzeitlich wurde auch die Erhöhung der Mehrwertsteuer debattiert. Wie stehen Sie als Verband dazu?
Es ist gut, dass dieses Thema jetzt offenbar erst einmal vom Tisch ist. Die Belastungen einer Anhebung wären für den Modehandel kaum zu verkraften. Für 2025 gehen wir von einer Umsatzrendite von
gerade einmal durchschnittlich 1 bis 1,5% aus. Da ist eine solche zusätzliche Belastung – die ja nur bedingt an die Kundinnen und Kunden weitergegeben werden kann – kaum zu verkraften. Dann liegt
der Markt im Minus. Mahnend muss man auch zukünftig auf die Folgen hinweisen. Es ist davon auszugehen, dass das Thema im Rahmen der Einkommenssteuerreform erneut im Sommer mit möglicher Wirkung
ab 2027 auf den Tisch kommt.
Apropos Kosten. Wie hoch ist der Anteil der Energiekosten im Modehandel generell?
Das lässt sich schwer beziffern, da gerade die Energiekosten stark von der Ausstattung der Läden abhängen. Denken Sie an Aufzüge oder Rolltreppen, die einen hohen Energieaufwand haben. So oder so
sind die Kostensteigerungen – etwa auch für das Personal aufgrund der Mindestlohnerhöhungen und die stark steigenden Lohnnebenkosten, diese müssen bei 40% fixiert werden – für mich das elementare
Thema, das es jetzt im Blick zu haben gilt. Denn die Preise und damit die Kosten werden weiter steigen. Die Tendenz zeigt die Inflationsrate bei rund 3% steigend in diesem Jahr an. Das bereitet
uns als BTE erhebliche Sorgen. Große Teile des Modehandels stehen auf der Schwelle zum Verlust und werden so kaum noch weiter aktiv in die Zukunft investieren können.
Welche Hebel könnten greifen?
Eigentlich gibt es nur noch wenige ungenutzte Hebel. LED-Beleuchtung, Photovoltaikanlagen oder neue Klimatechnik haben diejenigen, die es möchten, ja bereits umgerüstet. Die Themen Flexibilität
in der Personaleinsatzsoftware, CRM-/ WhatsApp-Marketing und die effiziente Nutzung von Daten spielen eine vordringliche Rolle in der Zukunft. Eine Möglichkeit wäre sicherlich auch Dynamic
Pricing. Außerdem müssen Handel und Industrie ernsthaft über neue, ergänzende Eckpreislagen diskutieren.
Was heißt das konkret?
Wie im Niedrigpreissegment muss stärker auf die 2 oder 7 gesetzt werden. Eine Hose könnte etwa statt 64,99 Euro dann 67,99 Euro kosten. Wir brauchen eine Steigerung, es kann ja nicht immer nur die Industrie aufgefordert werden, die Eingangsspannen zu steigern. Steigt die Eckpreislage um 2 oder 3 Euro, könnten davon Industrie und Handel gleichermaßen profitieren. Das Abwälzen auf die Industrie ist auch endlich.
Wie können die Händler jetzt reagieren?
Wir reden bei uns von UVP, es ist dem Handel also auch immer freigestellt, den Preis zu erhöhen. Ob das sinnvoll ist, hängt allerdings von verschiedenen Faktoren ab. So oder so kann man dem Handel nur raten, jetzt seine Preis- und Sale-Strategie erneut zu überprüfen, damit die Ist-Kalkulation möglichst ausgeglichen ist. Eine Investition in Dynamic Pricing kostet natürlich auch Geld, aber egal, ob man einen Zug oder ein Hotel bucht oder an der Tankstelle steht oder man bei Online-Marktplätzen konsumiert, überall verändern sich die Preise stetig. Nur wir haben unsere Hangtags und sind dadurch bei der Preisgestaltung mehr oder weniger statisch. Und das kann der Handel so eigentlich nicht mehr tragen.
Welche Möglichkeiten gibt es noch, Kosten zu senken?
Tatsächlich gibt es auch Händler, die zum Beispiel ihre Öffnungszeiten anpassen. Ob man jetzt den Vormittag an einem Wochentag zulässt oder auch einen ganzen Tag, diese Entwicklung nimmt zu. Aber natürlich lässt sich das eher in Klein- und Mittelstädten als in Innenstadtlagen von Großstädten umsetzen. Insgesamt bekommen wir zurückgespiegelt, dass auch die Frequenzen gar nicht das große Problem sind, die Kaufbereitschaft nimmt einfach generell eindeutig ab. Das eigentliche Grundrauschen ist gar nicht so viel schwächer, aber die Werthaltigkeit der flanierenden Endverbraucher sinkt signifikant.
Sie fordern die Händlerinnen und Händler auch auf, aktiv Politiker anzusprechen. Wie könnte das aussehen?
Unser Ansatz ist, ein empathisches Schreiben an den jeweiligen Bundestagsabgeordneten zu verfassen. Ein solches Schreiben stellen wir dem Handel auch perspektivisch zur Verfügung. Das Wichtige
ist, mit dem Abgeordneten in den Dialog zu kommen, um dann über Leerstände, Frequenzveränderungen, Kostensteigerungen etc. zu sprechen. Im Dialog wollen wir Vertrauen und Verständnis bei den
Abgeordneten für den Modehandel erzielen. Denn die Herausforderungen werden hoch bleiben. Spätestens im Zuge der Einkommenssteuerreform, die ja am 1. Januar 2027 in Kraft treten soll, wird
bestimmt auch das Thema Mehrwertsteuer wieder aufs Tableau kommen.
Das Interview fand mit Aziza Freutel, Redakteurin der TextilWirtschaft, statt.
